45 Jahre Marktforschung -
ein Gespräch mit Elisabeth Grünig

Ein Gespräch über Neugier, Wandel und die Kunst, dranzubleiben.

Elisabeth Grünig begann 1976 mit einem Aushilfsjob bei Infratest – und blieb dem Unternehmen fast 45 Jahre lang treu. Seit 2015 ist sie zudem Geschäftsführerin der Infratrend Forschung GmbH, einem hochwertigen Institut für Face-to-Face-Forschung (F2F) mit rund 45 Interviewenden. In dieser kleinen Firma lebt der Geist von Infratest weiter – inklusive der Werte, die sie seit Beginn ihrer Karriere prägen: Sorgfalt, Offenheit und Menschlichkeit.

„Ich war ein Löwenzahn im Asphalt.“

Thomas Kammerer:
Frau Grünig, Sie bezeichnen sich selbst als Löwenzahn im Asphalt. Was steckt hinter diesem Bild?

Elisabeth Grünig:

„Ich stamme aus einem Elternhaus, das man heute wohl als bildungsfern bezeichnen würde. Keiner in meiner Familie hatte studiert, und in der Schule hörte ich oft, mir fehle der ‚gehobene Umgang von zu Hause‘. Trotzdem war da dieser Drang, etwas aus meinem Leben zu machen. Das Löwenzahn steht für mich für Widerstandskraft – es wächst dort, wo der Boden hart ist, und sucht sich trotzdem das Licht. So sehe ich meinen Weg.“

Vom Zufall zum Lebensweg

Thomas Kammerer:
Nach dem Abitur wollten Sie Sozialpädagogik studieren, richtig?

Elisabeth Grünig:

„Ja, das war mein Plan. Leider reichte mein Notendurchschnitt nicht aus. Also beschloss ich, erst einmal zu arbeiten. Zufällig lag die Firma Infratest nur fünf Gehminuten von meiner Wohnung entfernt. Ich kannte sie damals gar nicht – aber das war der Beginn meines Berufslebens.“

Thomas Kammerer:
Und Sie blieben dort fast ein halbes Jahrhundert. Was hat Sie so gefesselt?

Elisabeth Grünig:
„Das Miteinander! Die Atmosphäre war herzlich, offen, fast familiär. Ich war jung, Mutter eines kleinen Kindes – und fand dort Verständnis statt Vorurteile. Ich durfte Arzttermine wahrnehmen, meinen Hund mitbringen, meine Arbeitszeiten flexibel gestalten. Ende der 1970er Jahre war das alles andere als selbstverständlich.“

„Wir waren ein Team, das gemeinsam an einem Strang zog.“

Thomas Kammerer:
Wie sah Ihre Arbeit am Anfang aus?

Elisabeth Grünig:

„Sehr vielfältig. Jeden Tag neue Themen – Finanzen, Medien, Industrie, Handel, Gesundheit. Die Marktforschung ist nie monoton. Ich betreute später hunderte Interviewerinnen und Interviewer in Bayern und Baden-Württemberg. Das waren großartige Menschen aus allen Lebensbereichen – vom Studenten bis zur Rentnerin. Uns verband dieser gemeinsame Geist: ‚Ein neues Projekt? „Zusammen geht alles“

Von Lochkarten zu Laptops

Thomas Kammerer:
Technisch gesehen hat sich die Arbeit seither enorm verändert, oder?

Elisabeth Grünig:

„Absolut. Damals vergaben wir Identifikationsnummern per Hand, die Daten kamen auf Lochkarten, und ein Großrechner spuckte Tabellen aus. Als dann der erste Computer kam – ein 286er! – war das eine Sensation. Heute läuft alles digital, vernetzt, automatisiert. Aber auch mit Lochkarten war Marktforschung schon spannend – sie hatte ihren eigenen Zauber.“

Familie, Flexibilität und frühe Verantwortung

Thomas Kammerer:
Sie hatten früh Kinder und gleichzeitig Verantwortung im Beruf. Wie haben Sie das vereinbart?

Elisabeth Grünig:

„1977 wurde mein erster Sohn geboren, 1980 meine Zwillingssöhne, und 1985 kam meine Tochter auf die Welt. Mein Arbeitgeber war sehr verständnisvoll. Teilzeit war möglich, und ich durfte Arbeit mit nach Hause nehmen – das nannte damals noch niemand ‚Homeoffice‘, aber genau das war es. Mein Chef sagte: ‚Wenn es dich entlastet, mach’s einfach.‘ Diese Haltung war menschlich, unkompliziert und ihrer Zeit weit voraus.“

„Die Industrialisierung der Marktforschung“

Thomas Kammerer:
Wann begann sich Ihr Arbeitsumfeld zu verändern?

Elisabeth Grünig:

„In den 1980ern, mit dem Aufkommen der Telefonbefragung. Alles wurde schneller, größer, systematischer. Ich lernte viel über Organisation, Methodik und Technik. Später, im Betriebsrat, bekam ich Einblicke in Unternehmensstrukturen – das half mir später in meiner Führungsrolle.“

Aufstieg in der Führung und Internationalisierung

Thomas Kammerer:
Wie ging es für Sie weiter?

Elisabeth Grünig:

„Ich arbeitete mich Schritt für Schritt nach oben: erst Assistentin eines Regionalleiters, dann Regionalleiterin für Bayern und Baden-Württemberg, später Studienorganisatorin für Ärztebefragungen. Schließlich übernahm ich die Leitung des Projektmanagements in München, später bundesweit. In den 1990er Jahren wurde Infratest internationaler. 1996 entstand Infratest dimap, 2004 fusionierten wir mit Emnid zu TNS Infratest, und 2008 wurden wir Teil der britischen Kantar Group.“

Zurück zu den Wurzeln – und eigene Firma

Thomas Kammerer:
Und dann kehrten Sie an Ihre Anfänge zurück?

Elisabeth Grünig:

„Ja, 2010 übernahm ich die Leitung des Face-to-Face-Feldes (F2F) – genau dort, wo ich einst gestartet war. Zehn Jahre lang habe ich ein großartiges Team geführt. 2015 habe ich zusätzlich die Geschäftsführung der Infratrend Forschung GmbH übernommen. Wir sind ein kleines, hochwertiges F2F-Institut mit rund 45 Interviewenden. Dort lebt der Geist von Infratest weiter – die Werte Sorgfalt, Offenheit und Menschlichkeit prägen unsere Arbeit bis heute.

Ich leite heute eine kleine Forschungseinheit mit etwa 45 Interviewenden – im Geiste von Infratest, sozusagen mit dem Spirit meiner Graugansfärbung: bodenständig, wachsam, loyal und mit starkem Gemeinschaftssinn. Ich bin stolz auf meine Mitarbeitenden – auf ihren hohen Qualitätsanspruch, auf ihre Fähigkeit, Befragte zu erreichen und zu überzeugen. Sie zeigen tagtäglich Einsatzbereitschaft, Innovationskraft und Ideenreichtum, wenn es darum geht, schwer auffindbare Zielgruppen zu finden und sie für die Bedeutung von Sozial- und Gesundheitsforschung zu sensibilisieren.

Ich bin stolz darauf, dass meine Mitarbeitenden ihr Handwerk verstehen – das Handwerk der Empathie und der soliden Datenerhebung. Und ich würde mir wünschen, diese Haltung und diesen Qualitätsanspruch noch stärker bei unseren Auftraggebern vertreten zu dürfen.“

„Die Werte blieben, nur die Werkzeuge wurden moderner.“

Thomas Kammerer:
Die Branche wurde immer digitaler – wie haben Sie das erlebt?

Elisabeth Grünig:

„Als spannende Herausforderung. Wo früher Papierfragebögen und Kugelschreiber dominierten, kamen Laptops und Tablets. Projekte liefen schneller, Auswertungen fast in Echtzeit. Aber trotz aller Technik: Die Grundwerte blieben. Sorgfalt, Interesse am Menschen, die Liebe zu Zahlen – das ist der Kern der Marktforschung.“

45 Jahre – ein Rückblick

Thomas Kammerer:
Wenn Sie heute zurückblicken – was überwiegt?

Elisabeth Grünig:

„Dankbarkeit. Ich durfte den kompletten Wandel miterleben: von der analogen zur digitalen Welt, vom kleinen Institut zum globalen Konzern – und nun bei Infratrend in kleiner, aber hochwertiger Form. Ich habe gelernt, dass Wandel kein Bruch sein muss, sondern Wachstum bedeuten kann. Als ich 2021 offiziell aus Kantar ausschied, wusste ich: Ich habe meine Berufung gefunden.“

„Zahlen erzählen Geschichten – man muss nur hinhören.“

Thomas Kammerer:
Was würden Sie jungen Menschen raten, die heute in die Marktforschung einsteigen?

Elisabeth Grünig:

„Neugierig bleiben. Zuhören. Und verstehen wollen. Technik ist wichtig, aber Empathie ist entscheidend. Zahlen sind mehr als Daten – sie erzählen Geschichten über Menschen, Gesellschaft und Veränderung. Man muss nur genau hinhören.“

Thomas Kammerer:
Frau Grünig, vielen Dank für dieses Gespräch.

Elisabeth Grünig:

„Ich danke Ihnen. Und wenn ich eines sagen darf: Auch ein Löwenzahn kann Wurzeln schlagen – selbst im Asphalt.“

Kurzprofil

Elisabeth Grünig leitete zehn Jahre das F2F-Feld bei Kantar Deutschland, war fast 45 Jahre im Unternehmen tätig und ist seit 2015 Geschäftsführerin der Infratrend Forschung GmbH – einem kleinen, hochwertigen Institut für Face-to-Face-Forschung mit rund 45 Interviewenden.

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